Reizvolle Raumdeutungen im Industrieloft

Iris Frey, Canstatter Zeitung, Mittwoch 6. Juli 2011

In der Regel sehen Besucher Kunst in Galerieräumen. Jetzt gibt es Kunst in der Wohnung. Und da gehört sie hin. Das betont auch der Künstler selbst: Rolf Kilian. In der Glockenstraße 36 sind seine Werke derzeit ausgestellt und auch beim Canstatter Kulturmenü am 9. Juli zu sehen – in den privaten Räumlichkeiten von Wallie Heinisch und Bernd Götz, die in diesem ehemaligen Produktionsgebäude der Firma Mahle mit insgesamt vier Familien Wohnen und Arbeiten verwirklicht haben.

Wie auch Marcus Lembach im Gespräch mit dem Künstler deutlich machte: „Wer diese Ausstellung sieht, der erkennt, dass die Kunst Kilians wie geschaffen ist für diese besonderen Räumlichkeiten. Sie könnten nirgendswo besser passen als in dieser großzügigen Industrieloft-Wohnung, die durch klare Formen und Möbel im Bauhaus-Stil besticht. Unter einem raffinierten Bücherbereich hat Kilian sogenannte Draperien installiert, hängende Gemälde aus Holz. „Draperien“, so erklärt Kilian, „waren früher Schutzwände für Königinnen beim Umkleiden“. In der Glockenstraße erhalten diese Draperien im Wohnraum ihre Bestimmung – reizvolle Raumdeutungen.

Ein paar Meter davor sind die „Stücke“ an der Wand senkrecht montiert. Vor einem Jahr hatte sie Kilian auf der Art Karlsruhe gezeigt. Ihm gefällt es bei der Arbeit, den Zwiespalt zwischen Farbigkeit und Plastizität herauszuarbeiten. Seine Werke sind immer auf den Raum bezogen. „Das ist die Funktion des Bildes“, sagt Kilian, „einen Raum lebbar machen“. Der Raum wird gestaltet, er erhält Blickpunkte. Dies ist in der Glockenstraße in besonderer Weise erlebbar. Die Bilder erzeugen eine interessante Atmosphäre. Seine großformatigen Leinwandbilder mit Eitempera oder auch Tafelbilder, die an den unterschiedlichsten Stellen zu sehen sind, an Säulen, über der Bar oder im oberen Wandbereich eines Raumes.

„Der Gegensatz ist das Wichtigste in der Malerei“, sagt Kilian. Bei den Tafelbildern ist bedeutsam, dass der Künstler sie auch von hinten bemalt hat. Weil sie mit etwas Abstand an der Wand montiert sind, strahlt auch die Farbe von hinten.

„Es ist ein lang ersehnter Traum, Künstler in die eigenen vier Wände zu holen, sagte Wallie Heinisch bei der Eröffnung. Die Architektin ist von Kilians Werk fasziniert. „Ich will zeigen, dass man mit Kunst leben kann, dass sie spannend ist und dass man sich an der Raumstimmung erfreuen kann“, so Heinisch. Ihr gefällt „Kilians subtile Art, Fläche zu bauen“.

Galerist Thomas Niecke, der den Künstler seit vielen Jahren begleitet, freute sich ebenfalls, wie trefflich die Werke in dem Industrieloft wirken. Er verwies darauf, dass das Verhältnis zwischen Wand und Bild bei Kilians Werk neu definiert wird und eine Eigenständigkeit bekommt. Die Dreidimensionalität entstehe über Form, Farbe und Augentäuschungen.

„Jeder Strich, jede Linie ist bewusst gesetzt, dabei helfe der gesteuerte Zufall“, so Niecke.

Galerist Horst Merkle, zugleich auch Kulturmenü-Macher, freute sich ebenfalls, dass nun dieses Ensemble in der Glockenstraße, das im Dornröschenschlaf war, zu neuem Leben erwacht. Heinisch kündigte weitere Kunstveranstaltungen an.

Kilian ist 1963 in Marburg/Lahn geboren. Er hat an der Freien Kunstschule Stuttgart studiert, auch an der Kunstakademie Stuttgart bei den Professoren Grau, Bachmeier und Haegele und ist seit 1987 Dozent an der Freien Kunstschule Stuttgart. Er blickt auf zahlreiche Ausstellungen, auch der Art Karlsruhe, „Kunst am Bau“-Projekte und Kataloge sowie Ankäufe von Sammlungen.