Teil Part Piece

Eröffnungsrede von Harald Kirchner
Galerie Broening/Dietrich, 27. April 2012 bis 19. Mai 2012

Teil Part Piece – so nennt Rolf Kilian seine Ausstellung hier in der temporären Galerie Broening/Dietrich.

Um ehrlich zu sein, ich musste ein wenig über diesen Titel grübeln. Was will uns der Künstler damit sagen? Denn alles besteht aus Teilen, aber ist ein Teil für sich betrachtet nicht auch ein Ganzes? Oder bekommen wir hier jetzt nur Teile zu sehen – aber kein Ganzes? Wenn Sie diese Wand betrachten, könnte man den Eindruck haben, all diese Teile hier ergeben erst zusammen ein Ganzes – und dieser Eindruck ist sicherlich nicht falsch. Genauso richtig ist aber auch, dass jedes dieser Teile für sich steht, also ein Ganzes ist.

Bevor ich aber weiter über die ganzen Teile hier spreche, möchte ich noch etwas über Rolf Kilian sagen. Rolf Kilian lebt seit Jahrzehnten in Stuttgart. Er hat an der Freien Kunstschule Stuttgart und an der Kunstakademie Stuttgart studiert. Neben seiner künstlerischen Tätigkeit ist er Dozent an der Freien Kunstschule Stuttgart. Und er ist Mitglied der Künstlergruppe maximal – zusammen mit Isa Dahl, Thomas Heger, Bernd Mattiebe, Rainer Schall, Daniel Wagenblast und Bernhard Walz. Und vor allem ist Rolf Kilian „Maler“. Das ist ihm sehr wichtig. Denn wenn man sich seine Objekte ansieht, kann man sich eigentlich nicht sicher sein, sind das nun Bilder oder schon Plastiken.

Er sagt selbst, es sind Bilder – ich füge aber hinzu: nur teils teils.

Inspiriert sind seine Bilder von der Tafelmalerei. Sie sind auf Holz gemalt und greifen in den Raum. Sie sind kastenförmig, wie an dieser Wand, die meisten aber sind wie Tafeln auf eine Art Abstandhalter aufgebracht. Sie heben sich ab von der Wand, sind dreidimensional. Tiefe entwickeln sie aber nicht nur, weil sie sich von der Wand abheben, sondern auch durch Farbe und Pinselstrich auf der Fläche wirken sie räumlich.

Die Räumlichkeit wird unterstrichen durch die Schatten, die die Bilder werfen und wenn Sie genauer hinsehen, dann bemerken Sie, dass die Schatten nicht einfach nur dunkel sind. Nein, sie schimmern mal gelblich mal rötlich und verändern so auch ein wenig das Licht im Raum. Das liegt daran, dass Rolf Kilian die Holztafeln, die er bemalt, nicht nur als Fläche behandelt, sondern dass er den Charakter einer Plastik dadurch unterstreichet, dass er auch die Rückseite bemalt, mal gelb mal rot.

Die Bilder wirken nicht nur im Raum, sie gestalten ihn auch mit.

Das ergibt sich  nicht zuletzt durch die Form, oft keine Rechtecke oder Quadrate. Es sind teils schroffe Formen, die in die Symmetrie der Wände eines Raumes eingreifen und sie aufbrechen.

Auf dieser Seite wiederum klar gegliederte Quader, die nur in sich unruhig sind. Rolf Kilians Werke hängt man nicht einfach an eine Wand, irgendwo am Besten in die Mitte. Die Bilder scheinen sich geradezu selbst ihren Platz zu suchen, gerade wenn man mehrere miteinander kombiniert.

Wenn eine Ausstellung von Rolf Kilians Werken entsteht, dann ist das nicht einfach nur eine Hängung. Das eine Bild hier, das andere Bild da. Nein, hier ist jedes Bild ein Teil, ein Teil, das sich im Zusammenspiel mit den anderen zu einem neuen Ganzen fügt. Die einzelnen Teile erobern sich sozusagen ihren Raum und sie verändern ihn.

Die Wirkung im Raum ist einer der zentralen Aspekte. Diese Wand ist dicht gedrängt; wie unterschiedlich gegeneinander arbeitende Keile bilden diese Objekte geradezu einen optischen Strudel. Hier über mit ist aber ein einzelnes Bild, das ganz anders wirkt, es wirkt leicht, fast wie eine Wolke, die nach oben strebt.

Wenn Sie ein Stockwerk höher gehen, haben Sie wieder einen vollkommen anderen Eindruck. Da sind die Bilder nicht klein, dicht aufeinander bezogen wie hier. Da sind es teils große Flächen, die in den Raum greifen. Mal ruhig wie im ersten Raum, dann im zweiten schießt geradezu eine Fläche von oben herab.

Und das ist das Spannende, es gibt Durchblicke zwischen den Räumen.

Rolf Kilian hat genau das besonders Spaß gemacht, die Räume oben sind klein und lassen so auch Durchblicke und Beziehungen zwischen den Bildern zu. Vor ein paar Tagen haben wir uns hier getroffen und Rolf Kilian ging mit verschmitztem Lächeln mal in die eine Ecke mal in die andere, wie sieht es von hier, wie sieht es von der anderen Seite aus. Ich hatte fast den Eindruck, er lernt sein eigenes Werk hier noch einmal neu kennen. Er geht in den Räumen herum, hängt wieder etwas um, will einen neuen Durchblick entdecken.

Diese Suche kennzeichnet das zweite große Thema für ihn – neben der Räumlichkeit ist es der Prozess der Kunst, der ihn interessiert. Kein Bild bleibt wie es ist im Raum, wo es hängt und wie es hängt, verändert nicht nur den Raum, es verändert das Kunstwerk selbst. Es ist eben Teil.

Vor einigen Wochen habe ich Rolf Kilian in seinem Atelier besucht, da gab es diese Zusammenstellung an dieser Wand schon. Sie hing und sie sah aus als ob sie schon fertig sei. Plötzlich hat er einiges neu arrangiert und mit den Formen experimentiert. Das Kunstwerk wurde ständig überarbeitet. Diese Objekte zum Beispiel waren noch Teil des Gesamttableaus. Hier angekommen hat er seinen Entwurf völlig neu gestaltet. Hat diese Objekte voneinander getrennt.

Kunstwerk und Raum sind bei ihm ein Zusammenspiel. Kunst ist für ihn auch ein Prozess, nichts Endgültiges – nichts bleibt wie es ist, wenn ein Kunstwerk in einen anderen Raum gehängt wird. Wenn Sie jetzt sagen würden, diese Wand gefällt mir und kaufen sie, dann würde Rolf Kilian zu Ihnen kommen, sie dort neu aufbauen und sie sähe nicht genau so aus wie hier. Er würde sie an den neuen Raum anpassen.

Es wäre aber genauso denkbar einzelne Teile herauszulösen. Die einzelnen Bilder sind ja auch explizit einzeln verkäuflich und die Bilder können sich einzeln oder in Gruppen mit Hilfe des Künstlers oder Ihrer eigenen Kreativität Ihren Raum neu erobern.

Und wenn ich auf den Anfang meiner Beobachtungen zurück komme und mir meine alte Kunstlaienfrage wieder stelle. Was wollte uns der Künstler mit dem Titel „Teil Part Piece“ eigentlich sagen? Dann denke ich, er will wohl gar nicht viel sagen. Er will, dass Sie sehen und entdecken. Und damit kommen wir zum Untertitel auf der Einladungskarte – der trifft es am Besten.

Da steht einfach Rolf Kilian zeigt Malerei.