Bildfindungen

Lange wurden sie abgetan. Ungeachtet der Meinung vieler Künstler und des im 16. Jahrhundert aufkommenden Typus der „finalen Zeichnung“ sah man bis weit ins 20. Jahrhundert „Arbeiten auf Papier“ nicht als autonome Werke an, sondern lediglich als erste Skizzen. Das hat sich mittlerweile geändert. Nicht zuletzt auch dank Kuratoren wie Rudi Fuchs und Bernice Rose, die mit reinen Zeichnungsausstellungen für Furore sorgten. 1976 konstatierte Rose, dass „eine ganze Reihe von Künstlern“ die Natur des Zeichnens neu überdacht hätten. Nun habe, so die Kunsthistorikerin, die Zeichnung nicht mehr nur als „minor support medium“ neben Malerei und Skulptur, sondern als „major and independent medium with distinctive expressive possibilities“ zu gelten. Die Folgen: Anfang der 80er Jahre installierte Jonathan Borofsky im Israel Museum Jerusalem ein ganzes Environment aus Zeichnungen, während Enzo Cucchi mit seinen wandfüllenden Riesenzeichnungen das Format des Genres sprengte.

Ähnliches passiert bei Rolf Kilian. Auch er erschließt mit seinen Gouachen – autonomste Bilder im wahrsten Sinne des Wortes – neue Möglichkeiten im und auf dem Papier-Raum. Doch dafür benötigt der Künstler keinesfalls monumentale Dimensionen wie noch vor knapp zwei Dekaden Borofsky oder Coucchi. Im Gegenteil, für Kilian hat jedes Format seine Berechtigung. Keines ist also besser oder schlechter, geschweige denn zufällig ausgewählt. „Hinter allem steckt ein konkreter Gedanke“, erklärte er. Selbstredend, dass es sich bei den klar reduzierten, sich mal der Geometrie, dann wieder der Amorphie annähernde Formen keinesfalls um Ausschnitte handelt. Die Papierarbeiten, in denen Kilian frei dem Verhältnis von Körper Räumlichkeit und Fläche nachspürt zeigen trotz der Tatsache, dass der Künstler hier Raumgefühl auf ein kleines Format reduzieren muss, eine geradezu monumentale Wirkung. Was unter anderem auf die fast altmeisterliche Maltechnik zurückzuführen ist.

So bestehen die auf den ersten Blick in duplexartiger Zweifarbigkeit angelegten Bildmotive aus vielen, dediziert gemischten Pigmentvarianten, die dann mit kraftvollem, gleichwohl sorgfältigem Duktus auf das Papier aufgebracht werden. Eine Arbeitsweise, die erst bei genauer Betrachtung und Änderung des Betrachtungsstandpunktes deutlich wird. So enthüllen sich scheinbare, scherenschnittartige Flächen aus Schwarz, Braun oder Rot plötzlich als tiefste Farbräume, als Bildarchitekturen, die aus subtilen Nuancen wie unter anderem Ocker oder Kadmiumrot, Ultramarin oder Kobalt aufgebaut sind. Ein Spiel zwischen Illusion und Realität? Mitnichten, sondern eines zwischen verschiedenen Daseinsebenen, mit denen Kilian einerseits immer neu das Bild selbst in Frage stellt, andererseits dem Betrachter das komplexe, unerschöpfliche Verhältnis der Farbe zum Bildgrund, zur Raumsituation und die zeichensetzende Potenz spezifischer Farb- und Materialwechselwirkungen vorführt.

Ja mehr noch, die jeweilige Wirklichkeit des einzelnen Bildes begreiflich macht. Das allerdings nicht im Sinne einer rein verkopften Aussage, vielmehr als universale, sinnliche, oder auch sehr konkrete Erfahrung der Möglichkeiten des zwischen den Polen, zwischen Emotio und Ratio angesiedelten Daseins selbst. Rolf Kilian bringt es treffend, gleichwohl vieldeutig auf den Punkt: „Ein Bild kann immer nur ein Bild sein. Dadurch komme ich wieder zu anderen, neuen Bildern“.