Raumfindungen

Wie beschreibt man Kunstwerke? Kann man Kunst überhaupt in Worte fassen? Eine durchaus berechtigte Frage, über die sich zwangsläufig die Geister scheiden. Der berühmte amerikanische Minimalist Donald Judd formulierte das Problem der Kunstbeschreibung darum folgendermaßen: „Man kann nur um die Sache herumreden und sie von verschiedenen Standpunkten aus betrachten. Und man wird eine eigene Gedankenstruktur für das Oeuvre jedes interessanten Künstlers eigens entwickeln müssen, anders nähert man sich ihm nicht“. Verständlich, ist man doch im Normalfall als Betrachter gefordert mit jedem Kunstwerk das Sehen immer wieder neu zu lernen. Eine Prämisse, die bei den Arbeiten von Rolf Kilian in besonderem Maße gilt. So wagt der Künstler einen Angriff auf unsere Wahrnehmung, indem er ganz ungeniert unsere Sehgewohnheiten umkehrt.

Während er auf seinen großformatigen oder rechteckigen Leinwänden, also per se zweidimensionalen Flächen dreidimensionale, verschachtelte Körperlichkeit formuliert, geht er auf seinen hier gezeigten, mehreckigen, ungleichmäßig zugeschnittenen Holzplatten, die mit gestaffelten, faktisch in den Raum greifenden Tafeln führt Kilian mittels überlappenden Farbschichten zurück in die Zweidimensionalität. Natürlich nicht ohne auch den Betrachter zu verunsichern. Zwar wahrt und betont der Künstler hier auf der einen Seite das Primat der Fläche als Basis für seine Gestaltung, auf der anderen Seite jedoch sind die Arbeiten als stereometrische Objekte zu interpretieren. Durch die Interpretation der unregelmäßig zugeschnittenen Au0enform, der geometrischen sich überschneidenden Farbfläche sowie den vielschichtigen Farblagen wirken sie je nach Perspektive wie bewegliche, faltbare Körper.

Ein aufregender Dialog zwischen Fläche und Raum, die durch das mitunter komplementär kontrastierende, gleichwohl fein modellierte Kolorit, dem Rhythmus der freien, an geometrische Körper angelegte Formen und dem Zusammenspiel von pastosem und lasierendem Duktus noch unterstützt wird. So lässt ein weißer Winkel eine rote Rechteckfläche zur Kastenform mutieren, während ein auf der anderen Seite angelegter hellblauer Balken das Ganze in Schach hält und das rote Rechteck wieder zum roten Rechteck werden lässt. Ein Wechselspiel, das die Arbeit in eine Art bewegten Schwebezustand versetzt. Sie wirken mitunter, als wären sie der Wand vorgelagert, auch, weil die Rückseiten bunte Schatten werken, da sie von Kilian mit einer der Vorderseite komplementären Farbe bemalt wurden. Ein Phänomen, welches das Bild zur autonomen Tatsache, zum selbstständigen Wesen macht, das innerhalb der Fläche ein Eigenleben führt und der Wandfläche ihren Eigenwert nicht streitig macht. Im Gegenteil, Rolf Kilian hat mit seinen Holzbildern einen sensibel ausbalancierten Form- und Farbkontext geschaffen, der Umgebung und Bild immer neu miteinander interagieren lässt.

„Man reagiert ebenso auf eine Umgebung wie man auf ein an die Wand angehängtes Bild reagiert ...“ schrieb der amerikanische Kritiker Clement Greenberg in einem Artikel der Partisan Review zum Thema „Malerei auf amerikanisch“. In diesem Sinne zeigt Kilian mit seinen Arbeiten eine sinnliche Korrespondenz zwischen Wandsituation, Trägergrund und Malerei, die dem Betrachter nicht nur immer neue Perspektiven des Tafelbilds aufbietet, sondern auch die Beziehungen und Unterschiede zwischen Malerei, Architektur und Plastik verdeutlicht. Ein unerschöpfliches, immer aktuelles Anliegen, das Rolf Kilian in der Bildrealität stets aufs Neue aufrollt, indem er gleichzeitig aus existenziellen Aspekte des Lebens, seine Rhythmen und Dissonanzen, seine Ordnung, seine Zyklen und sein Chaos thematisiert. Wie versuchte einst der Bildhauer Norbert Kricke Kunst zu definieren? „Vielleicht ist Kunst das Gespräch der Welt mit sich selbst – durch das Medium Künstler!“.