Rückfindungen

Wie sagte der deutsche Schriftsteller Moritz Heimann im industriell vorwärtsstürmenden 19. Jahrhundert zur Empörung aller positivistischen Philosophen so schön: „Die Wahrheit liegt zwischen zwei Extremen, aber nicht in der Mitte“. Verständlich, wer immer schön sicher in der „goldenen Mitte“ weilt, der wird kaum Gefahr laufen, sich Blessuren an irgendwelchen Ecken und Kanten zu holen, geschweige denn auf irgendeine Weise anzuecken. Allerdings kann es sein, dass er in der Mitte auch die genialen Höhepunkte verpasst, weil die meist rechts und links des Weges liegen. Mitte kann schnell zum Mittelmaß werden. Das scheint auch Rolf Kilian zu wissen. Sein Ding ist die goldene Mitte nicht. Im Gegenteil, der Maler rückt die Dinge ganz bewusst aus selbiger. Er dreht seine mal quadratischen, mal rechteckigen Leinwände oder die darauf befindlichen Quadrate und Rechtecke derart subtil aus den gewohnten Bildpositionen, dass dadurch nicht nur die Sehgewohnheiten des Betrachters, sondern gleichsam die Harmonie des Formats selbst konterkariert wird. Der Künstler platziert seine Arbeiten, die er hier unter der Überschrift „90 Grad“ zusammenfasst, entweder schräg über Eck, quasi als verzerrte Rauten an die Wand, oder verschiebt die Bildmotive, die aus freien an geometrische und Ecken erinnernde Schichtungen und kastenartige Schachtelungen bestehen, aus der Mitte des Bildträgers selbst. Eine durchaus außergewöhnliche, ja irritierende Vorgehensweise, die programmatisch zeigt, worum es Rolf Kilian geht. Darum, die Möglichkeiten des Mediums Malerei, die Bezüge zwischen Raum, Farbe und Fläche immer wieder neu zu hinterfragen und herauszufinden, wo das Bild per se beginnt, was es leisten kann, wo es endet und die Grenzen zur Plastik überschritten werden.

Dabei zeigen die „90 Grad“-Arbeiten nur eine Situation, einen Standpunkt auf Kilians Weg weit jenseits der ungefährlichen, unangreifbaren künstlerischen Mitte. Ein mutiges, selbstbewusstes Unterfangen, mit dem der Maler dem sensiblen Betrachter einen ehrlichen Einblick erlaubt in sein Allerheiligstes, seine Gedanken, seine Emotionen, sein Kalkül. Denn Kilian befindet sich auf einer Forschungsreise in Sachen Kunst und Leben, die noch lange nicht abgeschlossen ist. So ist Kilian nun nach Grenzgängen zum mit Balken und Rahmen versehenen Wandobjekt zurückgekehrt um zu analysieren, wo die Zweidimensionalität in der Fläche endet und die Dreidimensionalität beginnt. Ein spannendes Vexierspiel, das er mit ganz grundlegenden Mitteln inszeniert, die da heißen Farbe und Form, Fläche und Linie, Gegensätze und Übereinstimmungen. Da legt sich ein exakt abgezirkeltes, leuchtend rotes Karree über ein ebenso knalliges mit ausgefranztem kraftvollem Duktus ausgeführtes Viereck, dort wiederum schieben sich parallele Bänder verschiedener Breiten von links ins Bild und hier schließlich trifft eine organisch anmutende Form auf ein annähernd geometrisches Bildsegment.

Ganz davon abgesehen, dass sich diese reiche Formenwelt in mutigsten Farbkombinationen präsentiert. Mal kommen Olivtöne zu diversen Brombeernuancen, dann wieder wird tiefst in die Leinwand eingedrungenes Rostrot von leichtfüßigem Gelb überlaufen nur um gleich wieder hinter einem schmalen Vorhang eines intensiven Rotbrauns zu verschwinden. Nuancen, die regelrecht aufeinander knallen, aber dann doch immer wieder zu einem Gleichgewicht finden. Gesetz dem Fall, man lässt sich darauf ein. Denn Kilian macht es dem Auge des Betrachters nicht leicht. Doch genau deshalb verschafft er ihm besondere Seherlebnisse. Mit jedem Blick, jeder Kopfbewegung ändert sich die Perspektive.

Zweidimensionales wird plastisch, Raum entpuppt sich plötzlich als Fläche, Farbe liegt oben auf, dann wieder zieht sie in die Tiefe, betont, nimmt zurück, schwächt ab, harte Abgrenzungen werden weich, alles scheint in Bewegung und dennoch ruhig zu sein. Ein kompositorisches System, das auf den ersten Blick festgelegt wird, aber sich dann doch als offen entpuppt, und – aus der Fläche – immer neue Blickpunkte, neue Formen, neue Körper gebiert. Wie sagte der französische Maler Edouard Pignon so treffend: „Es gilt zunächst zu erkennen. Das ist der schwierigste Teil“. Nicht für Rolf Kilian, er hat verstanden! Er hat die sichere Mitte längst verlassen.